Die Freimaurerei im Licht der Natur
Wie erfundene Ordnungen uns verbinden …(oder trennen) Der moderne Homo sapiens blickt auf eine turbulente Geschichte zurück. Eine Geschichte, in der Toleranz oft ein Fremdwort war und der kleinste Unterschied – sei es in Hautfarbe, Dialekt oder Glauben – genügte, um ganze Gruppen von der Landkarte zu tilgen.

Wie Ihre Beobachtungen deutlich machen, war die Begegnung mit unseren engsten Verwandten, den Neandertalern, möglicherweise die erste und gründlichste „ethnische Säuberung“ der Geschichte. Sie waren schlicht „zu ähnlich, um sie zu ignorieren, und zu anders, um sie zu dulden.“
Diese tief verwurzelte Neigung zur Abgrenzung und zum Konflikt entspringt einer biologischen Tatsache: Über Jahrmillionen hinweg entwickelten sich die Menschen in kleinen Grüppchen mit einigen Dutzend Angehörigen. Wir sind genetisch nicht auf die Zusammenarbeit mit großen und anonymen Gruppen programmiert. Das Vertrauen endet naturgemäß am Rand der vertrauten Sippe – wie Sie am Beispiel der Schimpansen illustrieren, die einander nicht über den Weg trauen können, wenn sie sich nie zuvor gesehen haben.
Hier setzt der Sapiens einen einzigartigen Mechanismus ein, um diese biologische Grenze zu überwinden: die „erfundene Ordnung“.
Die Macht der Intersubjektivität: Vom Mythos zur Gemeinschaft
Wie schaffen es Millionen von Menschen, die einander völlig fremd sind, zusammenzuarbeiten? Sie alle glauben an dieselben Mythen, an dieselben intersubjektiven Realitäten. Etwas ist intersubjektiv, wenn es nicht objektiv (unabhängig vom menschlichen Bewusstsein) oder subjektiv (abhängig vom Bewusstsein eines Einzelnen) ist, sondern innerhalb eines Kommunikationsnetzwerks existiert, das die subjektiven Wahrnehmungen vieler Menschen miteinander verknüpft.
Geld, Staaten, Gesetze, Menschenrechte – sie alle existieren nur, weil wir kollektiv an sie glauben. Das Konzept von „unveräußerlichen Rechten“ wie „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ (oder biologisch gesprochen: „Leben und das Streben nach Lust“) ist ein überzeugender, aber letztlich intersubjektiver Mythos, der notwendig ist, um große, stabile Gesellschaften zu erschaffen. Das ist der „Trick“, den nur Sapiens beherrscht: Wir lassen uns auf einen „Handel“ ein, der ein Versprechen auf einen „Affenhimmel“ und „grenzenlose Bananenschätze nach dem Tod“ beinhaltet, um eine Banane im Hier und Jetzt abzugeben. „Glaube versetzt Berge“ – oder, präziser, er ermöglicht Großgruppenkooperation.
Doch eine erfundene Ordnung ist ständig in Gefahr, „in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus“. Deshalb muss sie ständig gepflegt und untermauert werden, selbst von der Elite, die vielleicht nicht mehr an den ursprünglichen Mythos glaubt – wie in Voltaires zynischer Bemerkung, dass sein Anwalt und sein Schneider an Gott glauben sollen, damit er „weniger beraubt und betrogen“ wird. Diese Mythen nehmen uns nicht nur die Angst vor dem Chaos, sie formen auch unser Innerstes: Das vermeintliche Gefühl „Hör auf dein Herz“ ist, wie Sie richtig feststellen, selbst ein Glaubenssatz, der uns von Mythen der Romantik und der Konsumgesellschaft eingetrichtert wurde.
Die Freimaurerei als Laboratorium der intersubjektiven Ordnung
Hier kommt die Freimaurerei ins Spiel. Sie kann in diesem Kontext als eine der ältesten und beständigsten intersubjektiven Ordnungen betrachtet werden, die aktiv versucht, die biologische Prägung zur Kleingruppen-Loyalität zu überwinden und eine übergeordnete Moral zu etablieren.
Die Freimaurerei schafft eine erfundene Ordnung, die bewusst universell angelegt ist. Sie nutzt Symbole, Rituale und Allegorien – die Werkzeuge jeder wirkungsvollen intersubjektiven Ordnung – um eine Bruderschaft zu bilden, die über die trennenden Unterschiede der äußeren Welt hinweg Bestand hat.
- Überwindung der Sapiens-Toleranzgrenze: Die Freimaurerei stellt eine Gemeinschaft her, die bewusst Mitglieder aus verschiedenen Religionen, politischen Lagern und sozialen Schichten an einen Tisch bringt. Sie verlangt von ihren Mitgliedern, die profanen, trennenden Mythen (die politischen oder religiösen Glaubenssätze, die in der profanen Welt zum Konflikt führen) vor der Tür der Loge zu lassen. In der Loge gilt ein höherer, gemeinsam anerkannter Mythos, der auf den universellen Werten der Tugend, der Bruderliebe und der Humanität basiert. Sie schafft bewusst eine künstliche „Kleine Gruppe“ (die Loge), in der das Ur-Vertrauen der Sapiens-Sippe wieder möglich wird, erweitert auf eine anonymere, aber durch den Schwur und das Ritual verpflichtete globale Bruderschaft.
- Der Glaube an die Bauhütte: Das freimaurerische Ritual ist selbst ein Mechanismus, um eine intersubjektive Wirklichkeit zu festigen. Die Mythen um den Tempelbau, die Werkzeuge und die Großen Lichter sind die narrativen Anker, die Millionen von Freimaurern über Jahrhunderte und Kontinente hinweg verbinden, obwohl sie einander nie gesehen haben. Die Loge ist der Ort, an dem Männer lernen, an eine Ordnung zu glauben, die nicht von der äußeren Welt definiert wird, sondern von einer inneren Verpflichtung auf das ethische Handeln. Das ist der aktive Versuch, an einer anderen erfundenen Ordnung zu glauben, um die bestehende, konfliktanfällige Ordnung der profanen Welt zu verbessern.
Die „Elite“ und die Arbeit am „rauen Stein“
Die Erkenntnis, dass „Geschichte etwas ist, das eine kleine Minderheit tut, während die anderen Äcker pflügen und Wasser schleppen“, ist auch in der Freimaurerei relevant. Sie versteht sich traditionell als eine „Elite“ (im Sinne einer avantgarde oder einer Minderheit, die am Fortschritt arbeitet), die aktiv am „Bau des Tempels der Humanität“ arbeitet. Die freimaurerische Arbeit ist die ständige Arbeit an der Überwindung der biologischen Konfliktneigung des Sapiens.
Die Freimaurer wissen instinktiv, dass ihre Ordnung, wie jede erfundene Ordnung, mythenbasiert ist. Doch ihr Mythos ist bewusst konstruiert, um die destruktiven Mythen der profanen Welt (wie engstirnigen Nationalismus oder fundamentalistischen Dogmatismus) zu konterkarieren. Sie pflegen ihre Riten und Symbole, um die intersubjektive Realität der Bruderliebe aufrechtzuerhalten, im Wissen, dass ohne diese kollektive Überzeugung auch die Bruderschaft „in sich zusammenfallen würde wie ein Kartenhaus“.
Indem die Freimaurerei eine verbindende, ethisch fundierte intersubjektive Ordnung schafft, versucht sie, dem zutiefst trennenden und intolerant agierenden Homo sapiens eine höhere Form der Kooperation zu lehren. Sie ist damit ein faszinierendes soziales Experiment: der Versuch, die archaischen Instinkte des Sapiens – „zu ähnlich, um sie zu ignorieren, und zu anders, um sie zu dulden“ – durch einen bewusst gewählten, humanistischen Glauben zu überwinden, um so nicht nur das „Streben nach Lust“, sondern das Streben nach Glück (einer philosophisch überlegenen Form der Befriedigung) für die gesamte Menschheit zu ermöglichen.
Ovidiu Bretan