Plädoyer für die Machtfreiheit des Tempels
Geschätzte Leser, liebe Brüder,
wenn wir die Pforte unseres Tempels durchschreiten, lassen wir die Welt der Profanität hinter uns. Doch was genau bedeutet das im Kontext von Einfluss und Führung? Mein vorliegendes Plädoyer führt uns schonungslos vor Augen, wie Macht in der Gesellschaft funktioniert: durch Strafen, Belohnungssysteme oder die psychologische Umformung des Bewusstseins. Es ist ein System aus „repressiver“, „kompensatorischer“ und „konditionierter“ Macht.
Ich stehe heute hier, um darzulegen, warum diese Elemente in der Freimaurerei weder gewünscht sind noch genutzt werden dürfen.

Die Ablehnung fremdbestimmter Abhängigkeit
In der Welt, wie Max Weber sie beschreibt, ist Macht die Möglichkeit, „anderen seinen Willen aufzuzwingen“. In der Freimaurerei hingegen suchen wir den freien Mann von gutem Ruf. Ein Wille, der aufgezwungen wird, erstickt die Selbsterkenntnis. Wenn wir Methoden der „konditionierten Macht“ nutzen würden, um Überzeugungen zu erschüttern oder umzupolen, würden wir genau jene geistige Freiheit zerstören, die das Fundament unseres Bundes ist. In der Loge gibt es keine „Untergebene“, die gehorchen, sondern nur Brüder, die gemeinsam am rauen Stein arbeiten.
Persönlichkeit statt Status und Organisation
Mein Plädoyer dient als Warnung vor einer Organisation als „Kräftepotential“, das Macht konzentriert und Interessen rücksichtslos vorantreibt. In der Freimaurerei ist die Loge keine Organisation zur Durchsetzung von Machtinteressen, sondern ein Schutzraum für die individuelle Entwicklung.
- Besitz und Wohlstand, die profan als Quellen der Macht dienen, um Anpassung zu kaufen, verlieren im Tempel ihre Wirkung. Hier gilt der Mensch, nicht sein Geldbeutel.
- Eitelkeit und Geltungssucht, die Max Weber als „Todfeindin aller sachlichen Hingabe“ bezeichnet, haben in unserer Gemeinschaft keinen Platz. Wer die Loge als Bühne zur „Selbstbespiegelung“ nutzt, hat den Dienst an der Sache – der Humanität – nicht verstanden.
Führung als Dienst, nicht als Herrschaft
Ja, auch in einer Loge gibt es Führung. Doch diese unterscheidet sich grundlegend von der profanen Machtausübung. Führung in unserem Sinne bedeutet:
- Auf verschieden angelegte Menschen einzugehen.
- Schwierige Mitglieder einfühlsam zu behandeln.
- Gegenseitige Hilfe und Rücksichtnahme zu fördern.
Es ist eine Verantwortungsethik, die die Folgen des eigenen Tuns bedenkt, statt eine Gesinnungsethik, die nur die eigene Ideologie durchsetzen will. Macht in der Freimaurerei ist – wenn man sie überhaupt so nennen will – die Macht zur Selbstbeherrschung, nicht zur Beherrschung anderer.
Der Weg zum „Homo Humanus“
Ich schließe nun mit einer entscheidenden Erkenntnis: Der verderbliche Einfluss der Macht kann nur durch Selbsterkenntnis und den „brüderlichen Anspruch“ relativiert werden. Wir lehnen die „Verschränkung von Organisationen“ und die „Verfilzung von Machtstrukturen“ ab.
Stattdessen setzen wir auf den gegenseitigen Respekt, den Bischof Wilckens so treffend forderte. Nur wenn wir uns als „homo humanus“ begreifen, der seine eigenen Begierden und den Willen zur Macht hinterfragt und steuert, können wir jene Gräben zuschütten, die uns in der profanen Welt trennen.
Fazit:
Macht sucht das Eigene; die Freimaurerei sucht das Gemeinsame. Macht fordert Unterwerfung; die Freimaurerei fordert Erhebung. Macht nutzt den anderen als Mittel zum Zweck; wir sehen im Bruder und Schwester das Ziel an sich.
Lassen wir also die „Machtmittel“ der Welt draußen vor der Tür. Hier im Inneren zählt nur das Wort, die Vernunft und das Herz.
Ovidiu Bretan
14. April 2026